Oft stelle ich mir oft vor, die Welt um mich herum wäre eine Fernsehserie und ich die Zuschauerin. Das verleiht mir den Abstand, der nötig ist, um gute Ratschläge geben zu können. Und gleichzeitig die Nähe, die nötig ist, um richtige Ratschläge geben zu können. Heute sehe ich Schimmerschnecke.

Ich sehe, wie sie abends im Bett liegt und träumt. Eine verschwommene Vergangenheits-Sequenz wird gezeigt , in der die kleinen, wenigen Pete-Szenen aus Schimmerschneckes Leben auftauchen. Sie lächelt. Ich sehe, wie Pete sie an sich ranzieht und sie völlig überrumpelt, als er sie mit einem Küsschen verabschiedet. In Zeitlupe wird gezeigt, wie Pete sie während des Sport-Spiels beobachtet. Wie er in der Halbzeitpause versucht, Blickkontakt aufzubauen, sie sich aber genau in dem Moment, in dem er vor ihr steht, zu Nora dreht und mit ihr Witze macht - und er weitergeht...

Die Sequenz verschwimmt, die Kamera zeigt Schimmerschnecke, wie sie abends mit drei Tüten und einem Blumenstrauß in der Hand in die Straße, in der ihre Oma lebt, einbiegt. 'Es ist zu früh, Pete zu begegnen. Sein Deutschkurs endet erst in 45 Minuten...' denkt sich Schimmerschnecke. Es ist spät am Nachmittag, dunkel, sie überquert die große Durchfahrtsstraße nicht an der Ampel, quetscht sich durch die parkenden Autos, übersieht fast den Wagen, der von links an ihr vorbeirast. Sieht erst, als es zu spät ist, dass Pete der Beifahrer war.

Die Kamera schwenkt auf die Träumende Schimmeerschnecke. Verärgert legt sie den Telefonhörer zur Seite. 'Bringt doch alles nichts' murmelt sie. Ihre Gedanken schweifen den Moment, als sie in ihrem Stadtviertel morgens am Straßenrand steht und gestresst zur Straßenbahn laufen möchte. Wieder ist es Petes Auto, das sie daran hindert, über die Straße zu rennen. 'Würde er mich wollen, würde er etwas unternernehmen..."

Die Traumsequenz platzt. Schimmerschnecke ist verärgert, kühl - und zynisch. 'Warum renne ich ihm hinterher, wie ein kleiner Teenager?' flucht sie, wirft den Telefonhörer auf den Boden. 'Warum warte ich überhaupt? Wird doch sowieso nichts. Würde er mich wollen, würde er...'

Schimmerschnecke geht zum PC und googelt den hübschen Koch, der sie gestern mehrere Stunden lang anhimmelte. Sie sucht nach einer Telefonnummer, sie würde ihn sofort anrufen, er ist ihr nicht wichtig genug, es muss nicht alles perfekt sein, zwischendurch tut's auch mal ein Parkplatz in zweiter Reihe, besser zweite Reihe, als gar kein Parkplatz, denkt sie sich.

Ich fluche. Dumme Kuh. So einen Schwachwinn zu reden. Sie findet keine Nummer - Gott sei Dank. Schimmerschnecke, nicht aufgeben, will ich ihr zurufen.

Er will Dich nicht? Dann musst Du ihn Dir eben nehmen. Mach neue Pläne, such Dir neue Orte, an denen Du ihm begegnen kannst. Denk nach, denk nochmal nach, Dir muss was einfallen, Dir wird was einfallen, wer nicht aufgibt, bekommt, was er will.

Er hat gerade keine Zeit für eine Frau im Leben? Dann öffne ihm die Augen, lächle ihn an, suche ihn und finde ihn. Nein, ruf ihn nicht an, das würdest Du später bereuen. Bringe ihn dazu, Dich anzurufen. Würde er Dich toll finden, würde er den Manager zurückschreiben lassen? Na und. Bringe ihn dazu. Schnapp Dir Dein Fahrrad und fahre 30 Mal an seiner Wohnung vorbei. Lass Dich nicht aufhalten, auch nicht von Regen. Mache das, was Du früher immer getan hättest - getan hast. Es gibt keine Schwestern und Freundinnen mehr, die sich mit Dir verbünden und ihn belagert? Na und, Du bist erwachsen, das geht auch alleine. Gehe joggen, in seinem Stadtviertel. Gehe einkaufen, in seinem Supermarkt. Aber bleib nicht einfach stehen.

'Ist mir alles zu blöd', will Schimmerschnecke antworten. Sie verliert die Romantikerin in sich. Steuert auf einen Parkplatz in der zweiten, wenn's schneller geht auch einen in der dritten Reihe zu - weil der perfekte in der ersten, der doch genau der richtige für sie zu sein scheint, genau der, den sie immer wollte, immer wieder scheinbar besetzt ist, von Räumfahrzeugen, Umzugslastwagen, Stoppschildern, Absperrungen...

Und ich, die verzweifelte Zuschauerin, kann sie nicht daran hindern. Verdammte Scheiße.

Samstag, 1. Dezember 2007, 13:05 I Life
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